10.05.2012 - 12 Jahre gelebte Inklusion bei Shotokai Karate Chiemgau e.V.

„Auch wir machen Karate!

Als Ilse Werner im Jahr 2000, angeregt durch ihre Unterrichtstätigkeit im Wilhelm-Löhe-Heim, den Karateverein Shotokai Chiemgau e.V. gründete gab es noch keine UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Die trat in Deutschland erst am 26. März 2009 in Kraft. „Wir waren neun Jahre schneller als die Vereinten Nationen“ so Ilse Werner. „Unsere Vereinsmitglieder haben mindestens 2 Merkmale gemeinsam: die Liebe zur Kampfkunst Karate und den Willen im Rahmen ihrer jeweiligen Fähigkeit miteinander zu trainieren. Im Shotokan-Karate ist jeder gleichwertig. Man achtet seine Lehrer und begegnet einander mit Respekt, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Deswegen ist Shotokan-Karate und die Lebenseinstellung, die damit verbunden ist geradezu prädestiniert für integrativen Sport.“

Lt. Definition aus wikipedia will „die Konvention Menschen mit Behinderungen davon befreien, sich selbst als defizitär sehen zu müssen. Sie will die Gesellschaft von ihrer Gesundheits- und Normalitätsfixierung abbringen, durch die all diejenigen an den Rand gedrängt werden, welche den Imperativen von Fitness, Jugendlichkeit und permanenter Leistungsfähigkeit nicht Genüge tun (können)[6]; es ist davon auszugehen, dass in der Folge das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der Betroffenen zunimmt, damit ihr Lebenserfolg steigt und die aufzubringenden Kosten für die Allgemeinheit eher abnehmen werden“. „Wir wussten nichts von einer UN-Konvention als unser Verein genau aus diesen Gründen 2006 und 2007 unter der Schirmherrschaft des damaligen Landtagspräsidenten Alois Glück und unter dem Motto „Auch wir machen Karate!“ die ersten deutschlandweiten Turniere für Menschen mit Behinderung durchführte. „Bei diesen Meisterschaften gab es nur Gewinner“, erinnert sich Frau Werner, „für jeden Turnierteilnehmer gab es einen, von der Bayerischen Staatskanzlei gestifteten, ansprechenden Pokal.“

„Auch wir machen Karate!“ Unter diesem Motto veranstaltet der Karateverein Shotokai Chiemgau e.V. seit 2003 jedes Jahr mindestens eine vereinsoffene, deutschlandweit ausgeschriebene, integrative Karatefreizeit im BLSV-Trainingscamp in Inzell. Dort ist Shotokai Chiemgau schon ein gern gesehener Stammgast. „Wenn sich alle unsere Besuchergruppen so diszipliniert verhalten würden, wie euer Verein, dann wäre mein Job hier um manches leichter!“, versichert der Leiter des Camps, Hr. Schreiner, jedes Jahr aufs Neue.

Auch dieses Jahr wurde am letzten Aprilwochenende von fast 50 Teilnehmern mit vier 2-stündigen Übungseinheiten in der neuen Dreifach-Turnhalle intensiv trainiert. Alle Besuchergruppen des BLSV beteiligten sich dann am Samstagnachmittag mit viel Spass an einem gemeinsamen „Spiel ohne Grenzen“. Die beste der 5 Shotokai Chiemgau-Mannschaften erreichte dabei immerhin den 2. Platz. Die Abende endeten bei traumhaft schönem Wetter und Lagerfeueratmosphäre mit Gitarrenmusik und Gesang.

„Ich bin dankbar, dass wir diese Vereinsarbeit leisten können. Behinderung, egal ob angeboren oder später durch Krankheit oder Unfall erworben, ist fast immer mit massiven finanziellen Einschränkungen verbunden. Karateanzüge kosten Geld. Dazu kommen Mitgliedsbeiträge zum DKV, Gebühren für Prüfungen, Lehrgangsgebühren, Fahrtkosten, usw. Alleine schon diese Grundkosten wären für viele unserer Schüler ein Ausschlußkriterium für die viel zitierte „Teilhabe“ am normalen Sportalltag. Selbst dann, wenn Karate als anerkannter Therapiesport im Rahmen des „Persönlichen Budgets“ behinderter Menschen berücksichtigt würde. Dank der finanziellen Unterstützung von Firmen und Privatpersonen ist unser Verein in der Lage, dafür zu sorgen, dass jedes Mitglied mit einem ordentlichen Karateanzug im Dojo steht, einen Karateausweis hat, an BKB-Lehrgängen und Vereinsveranstaltungen teilnehmen kann. Im Namen aller, die nur so die Möglichkeit zur Teilhabe bekommen, ein von ganzem Herzen kommendes Dankeschön.

Bericht:
Konrad Herlt

chiemgau