01.12.2010 - Ticky Donovan beim Kenshokan Nürnberg - Die Legende kehrte zurück….

Ich hab nochmal in den Ausweis geschaut, 1998 war er das letzte Mal bei uns. Dann haben wir ihn aus den Augen verloren, leider. Um so schöner war es, als Ticky spontan auf die Nachfrage von Erich für einen Lehrgang bei uns positiv reagiert hat.

Ticky Donovan, der sympatische Engländer, der im Laufe seiner 31jährigen Tätigkeit als englischer Landestrainer mehr Mannschaftstitel auf der WM gewonnen hat als viele von uns überhaupt an Wettkämpfen teilgenommen haben. Der, der mehr Einzelweltmeister zum Erfolg geführt hat als manche von uns jemals Wettkämpfe gesehen haben.

Seit 2008 ‚semiretired‘, jetzt 65 Jahre alt, gönnt er sich seine verdiente Ruhe, seine Auszeit. Stop. Der Bericht macht jetzt hier eine heftige Wende. Nix gemütlich, heimelig, kuschelig. Ein Phänomen was seinesgleichen sucht. Beweglich, schnell, effektiv, dabei locker und gleichzeitig so überzeugend das die Augen schmerzen. Typischer Gesichtsausdruck wenn Ticky was vorzeigt: große Augen, offener Mund, ungläubiges Kopfschütteln. Hab ich das jetzt wirklich gesehen? Wer liebt sie nicht, die wenigen Einheiten, bei denen der Blick auf die Uhr zum Gedanken führt: verdammt, bald zuende. Das gabs hier dreimal. Roter Faden durchs Training: relaxed. Power aus der Hüftdrehung. Stellungen verkürzen und Gegner mit kurzen effektiven Bewegungen ins Leere laufen lassen. Sehr schnelle Konter aus Positionen, in denen der Gegner keine Chance zur Verteidigung mehr hat. Finten, gefolgt von überraschenden Kombinationsabschlüssen. Techniken aus dem Gegner locken. Tai Sabaki. Gegner umlaufen. Ganz wichtig die richtige Linie zum Gegner, wie muss ich stehen, welcher Winkel kann funktionieren, welcher nicht. Wann muss ich besonders locker sein, wann ist Härte gefragt damit der Gegner unsere Kombinationen nicht durchbrechen kann.

Donovan

Wie verwirre ich im Auftakt und Punkte in Folge, wie wandelt man die Kombination ab, dass sie besser nur auf die Straße gegen die bösen Jungs eingesetzt werden sollte. Wo sinnvoll und möglich, wie bereitet man die Kombinationen als Grundschulübung vor, wie trainiert man korrekte Winkel und Abstände auch ohne Partner. Und das alles mit seiner lockeren Sicht auf die Dinge, immer ein Spruch auf den Lippen (‚Ticky, was muss ich tun, um die Technik besser zu verstehen?‘ ‚Nun, das ist so ne ganz lustige Sache: je mehr man übt, desto besser wird man!‘). Ein Mann, der durch sein natürliches Auftreten so viel Respekt verbreitet, dass er sich ganz normal unters (Trainings)Volk mischen kann. Niemand, der Starallüren braucht, oder fordert. Letztendlich wurde er für sein Tun auch durch die Queen geehrt.

Am Sonntag waren leider nur noch ca. zwanzig Leute da. Kommentar von Ticky: ‚Ich weiss, Ihr seid müde. Alles tut Euch weh, die Muskeln wollen nicht mehr. Aber hey, Ihr seid da!‘. Kein Lehrgang, ein Erlebnis.

Bericht:
Reiner Thiemel