14.01.2010 - Der arterielle Blutdruck beim Karate

Schnabel_OliverEine Trainingsbeobachtung durch Dr. med. Oliver Schnabel

Fragestellung und Untersuchungsaufbau:
Unter der Fragestellung, wie durch ein Karatetraining der arterielle Blutdruck bei Sportlern mittleren Lebensalters beeinflusst wird, ob er gar „dabei ständig überhöht“ sei, wurde bei 10 Probanden der Blutdruck vor und während jeweils zweistündiger Sportaktivität gemessen. Die beschwerdefreien Teilnehmer an den typischen Breitensporttrainingseinheiten waren drei Frauen und sieben Männer des 1. Shotokan – Karate Zentrums Forchheim e.V. mit einem Durchschnittsalter von 43 Jahren (31 bis 52 Jahre), graduiert vom 5. Kyu bis 5. Dan (Deutscher Karateverband DKV); einer nahm antihypertensive (bluthochdrucksenkende) Medikamente ein.

Nach kurzer Anleitung wurden die konventionellen (indirekten) Messungen durchgeführt mit einem handelsüblichen digitalen Handgelenksvollautomaten (Panasonic EW 3006) in der Halle vor dem Training, während der Aufwärmarbeit, bis zu je dreimal während der Kihon-, Kumite- und Kataphasen und schließlich mit dem gleichen Gerät dreimal zuhause in Ruhe. Die Teilnehmer konnten dabei selbstbestimmt das Training für die jeweils ca. zwei Minuten lange Messung unterbrechen. Die ermittelten Werte, auch die berechneten Durchschnitte wurden mathematisch auf Fünfer oder Zehner gerundet (Beispiel: 121 / 74 mmHg = 120 / 75 mmHg), schließlich handelt es sich beim arteriellen Blutdruck um eine biologische und damit andauernder Änderung unterliegende Messgrösse, bei der auf digitale Pseudogenauigkeit getrost verzichtet werden kann.

Ergebnisse:

Die Blutdruckwerte (Einheit Millimeter Quecksilbersäule, mmHg) waren im Durchschnitt:

zuhause                       125 / 80,
in der Halle                  145 / 90,
Aufwärmtraining         150 / 90,
Kihon                          150 / 85,
Kumite                        145 / 85,
Kata                             145 / 85,
gesamtes Training        145 / 85.

Proband_1

Der Sportler (52 Jahre, 2. Dan), der drei blutdrucksenkende Medikamente einnahm (antihypertensive Kombinationstherapie), unterschied sich in seinen Ergebnisse nicht vom Trend der Gesamtgruppe bei häuslichem Blutdruck von 120 / 70 mmHg, einem „Hallenwert“ von 145 / 95 mmHg und einem Trainingsdurchschnittswert von 155 / 95 mmHg.




Als Beispiel für individuell ausgeprägtere Blutdruckveränderungen dient Proband G.G., männlich, 38 Jahre, 3. Dan:

zuhause                         115 /  80,
in der Halle                    150 /100,
Aufwärmen                   170 /100,
Kihon                            150 /  95,
Kumite                          150 /  95,
Kata                              155 /  90,
gesamtes Training         155 /  95.

Proband_2




Diskussion und Fazit:

Bei den untersuchten Probanden mittleren Lebensalters lag der systolische arterielle Blutdruck („oberer Wert“) im Durchschnitt um 20 bis 25 mm Hg während des Karatetrainings höher als in Ruhe; gleiches galt für den diastolischen Blutdruck mit Unterschieden von 5 bis 10 mmHg. Diese Werte wurden aber bereits erreicht beim Aufenthalt in der Trainingshalle, wohl einer Art „Vorstartzustand“, respektive durch das Bewusstsein, an einer Studie teilzunehmen (psychoemotionale Beeinflussung). Die Trainingsanteile Gymnastik, Kihon, Kumite und Kata unterschieden sich in ihrer Beeinflussung auf den Blutdruck nicht und blieben durchschnittlich auf dem Niveau des Vorstartzustandes. Beide Beobachtungen weisen darauf hin, dass Karate zumindest in Breiten-sportintensität auch bei Störungen des Blutdruckes und seinen Regulationsvor-gängen ausübbar sein sollte.

Dennoch bedingt die geringe Anzahl der untersuchten Personen, dass noch keine endgültig verlässlichen statistischen Angaben gemacht werden können, allenfalls zeigen die Ergebnisse eine Tendenz. Desweiteren können intraindividuelle Schwankungen recht ausgeprägt sein, wie an einem Beispiel gezeigt.

Pauschale Vermutungen, während der Dauer eines Karatetrainings würde der Blutdruck ständig „überhöht sein“, sind nicht haltbar. Es ergaben sich vielmehr Hinweise, dass während der hier zweistündigen Trainingsphase der Blutdruck dauerhaft nur unwesentlich angehoben ist. Dies dürfte an dem typischen Intervallcharakter des Karatetrainings liegen, zudem daran, dass bewusst eingesetzte Atemtechniken Pressdruckmanöver bei statischen Kraftbelastungen vermeiden helfen, und der Karateka „nur“ die Aufgabe hat, den eigenen Körper ohne zusätzliche Lasten zu bewegen (materialunabhängige Sportart).

Physiologischerweise sind bei den schnellkräftigen und von kurzfristiger Muskelanspannung geprägten Karatetechniken („Kime“) gleichwohl Blutdruckspitzen zu erwarten, die aber messtechnisch ausgesprochen schwer zu erfassen sein dürften: auch Langzeit- oder Funktelemetrie - Messgeräte sind mit den sportarttypisch ruckartigen und bewegungsumfangsintensiven Techniken beim Karate nicht vereinbar. Aus Sicht des Praktikers kann der Blutdruck deshalb nur in kurzen Trainingspausen ermittelt werden; gleichwohl geben auch diese Werte Einblicke in die grundsätzliche Blutdruckregulation beim Karate.

Im Einzelfall sollte der Blutdruck während des Trainings - etwa in der vorgestellten, praktikablen Art und Weise - ermittelt werden, beispielsweise zur Klärung, ob nach der Diagnose eines erhöhten Blutdruckes („arterielle Hypertonie“) der Karatesport weiterhin ausgeführt oder überhaupt begonnen werden kann. Zu bedenken ist dabei, dass gerade Anfänger (wie bei jeder körperlichen Betätigung) noch ungelenke Bewegungen (fehlende Koordination) mit vermehrter Muskelanspannung und unphysiologische Atemtechniken erwarten lassen. Fortgeschrittene Sportler dürften auch hier in allen blutdruckregulativen Vorgängen trainingsbedingte Vorteile ihr Eigen nennen. Ärzte und insbesondere Trainer sind aufgefordert, Bluthochdruckpatienten besondere Aufmerksamkeit zu zollen, etwa zum Vermeid unnötiger Valsalva – Manöver (Pressatmung). Individuelle Beurteilung ist immer notwendig.

Umfangreichere Untersuchungen sind wünschenswert, etwa im Rahmen von Dissertationen an Sportmedizinischen Instituten.

Autor: Dr. med. Oliver Schnabel
Am Linsengraben 4
D -  91301 Forchheim, E - Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!